Viele Politiker*innen umschreiben Tatsachen mit Floskeln teils so geschickt, dass deren wahres Gesicht verschleiert wird. Einiges wird nicht mehr funktionieren – der ehemalige Bürgermeister und Harvestehuder Ole von Beust hat ein Buch geschrieben, das der Politiksprache auf den Grund geht: Am Ende des Tages. Daraus liest er übrigens am 15. September in Volksdorf.
Was war die Intention, das Buch gerade jetzt zu veröffentlichen?
Ole von Beust: Das Verfassen des Buches und die Veröffentlichung in diesem Jahr waren keinem aktuellen Anlass geschuldet. Ich hatte jetzt einfach genug Zeit, die Sache anzugehen.
Zum Titel sagten Sie im Hamburg Journal, Sie hätten selbst „begonnen diese blödsinnige Formulierung wie ‚Am Ende des Tages‘ statt ‚letztendlich‘ zu übernehmen“. Sie waren 17 Jahre lang Politiker – sind ihnen aus dieser Zeit eigene Floskeln im Gedächtnis geblieben?
Ich war natürlich auch nicht frei von der Verwendung von Floskeln. So habe ich mich hinterher dabei ertappt, bei Dingen, die ich für besonders wichtig hielt, von „Leuchtturmprojekten“ zu sprechen. Oder, wenn sich Dinge wiederholten und mich langweilten, statt dieses offen zu sagen zu viel „Ritualisierung“ angemahnt habe.
Haben sich die Phrasen der Politiker mit der Zeit verändert, oder vielleicht sogar zugenommen?
Viele typische Formulierung sind heute ähnlich wie vor 10 oder 20 Jahren. Allerdings sind rechtsradikale Begriffe häufiger geworden wie zum Beispiel das Wort vom „Volksverräter“ oder der Tarnbegriff „Remigration“.
Ist Ihnen ein Muster aufgefallen, dass mit der Parteizugehörigkeit der Politiker*innen zusammenhängt?
Muster wäre übertrieben, aber es gibt typische Begriffe auf der links- und rechtsradikalen Seite. Links, zum Beispiel die häufige Verwendung des Wortes „konkret“ oder „Gerechtigkeit“ wenn Gleichmacherei gemeint ist. Und rechts die Wiedereinführung von völkisch Begriffen oder das typische „die da oben“-Wortspiele
Gibt es Floskel-Klassiker?
Ja, einer ist der Begriff „betroffen“ bei traurigen Anlässen, statt umgangssprachlich traurig zu sein oder davon zu sprechen, „dass man etwas einfach nicht fassen kann“. Die Inflationäre Verwendung des Begriffes führt dazu, dass niemand mehr die innere Anteilnahme wirklich abnimmt. Gefährlich finde ich Begriffe, die etwas anderes tarnen sollen: So ist der Begriff „Remigration“ ekelhaft, weil er die zwangsweise Ausweisung aller nicht „Biodeutschen“ beinhaltet. Das ist unmenschlich. Fast komisch ist die Tarnung von Erhöhung von Abgaben um Steuern mit der schönen Umschreibung „starke Schultern können mehr tragen als schwache“.
Sie sind ein erfahrener Ex-Politiker. Hat die Recherche Ihren Blick auf die Politik trotzdem verändert? Und was hat Sie in diesem Zusammenhang am meisten überrascht?
Mir ist aufgefallen, dass die Sprache früher kantiger manchmal sogar verletzender, aber origineller war. Denken Sie einmal an Herbert Wehner der den CDU Politiker Todenhöfer als Hodentöter bezeichnet hat. Oder Strauß, der die Teilnehmer an studentischen Demonstrationen als schmutzige Ho Chi Minh Anhänger titulierte, die öffentlich Geschlechtsverkehr treiben. Das war schon deftig. Die Schnelligkeit, Transparenz und Gnadenlosigkeit der Reaktion (Shitstorm) im Internet führen dazu, das Politiker vorsichtiger, damit aber auch untypischer und langweiliger sprechen.
Eigene Bücher machen ja etwas mit der Autorin oder dem Autor. Was hat „Am Ende des Tages“ mit Ihnen gemacht?
Ich versuche selbst noch vorsichtiger zu sein als früher, um typische Phrasen zu vermeiden. Das gelingt mir allerdings leider nicht immer.

BUCHTIPP: Am Ende des Tages – Politische Floskeln von A bis Z, Ole von Beust, Herder Verlag, geb., 144 Seiten, 18 Euro
LESUNG: Ole von Beust liest am 15. September in der Ohlendorff´schen Villa (Volksdorf) au seinem Buch. Mehr Infos dazu gibt es HIER.
Aufmacherfoto: Ole von Beust, 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister, befasst sich in seinem Buch „Am Ende des Tages“ mit den Besonderheiten der Sprache der Politik. © pressebild.de / Bertold Fabricius
