Sonntag, 10. Mai 2026
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    Was tun, wenn die Liebsten ihren eigenen Tod planen?

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    Mit dieser Frage musste sich Inge Schumacher, Heilpraktikerin und Expertin für Persönlichkeitsentwicklung intensiv auseinandersetzen – denn ihre Eltern entschieden sich für den assistierten Suizid. Dass dieser in Deutschland legal ist, ist vielen noch nicht bekannt. Mit ihrem Buch „Dürfen die das? – Der assistierte Suizid meiner Eltern“, liefert sie Antworten auf Fragen – und Hilfe für Angehörige.

    Alster Magazin: „Papa organisiert gerade unseren Tod.“ – Diese Aussage traf Ihre Mutter eines Tages. Was hat dieser Moment in Ihnen ausgelöst?
    Inge Schumacher:
    Schock, Erstaunen und die Frage: Dürfen die das? Ich hatte keine Ahnung, dass das in Deutschland rechtlich möglich ist und habe erstmal gegoogelt. Außerdem war ich sofort im Trauermodus und fühlte mich komisch, weil meine Eltern ja noch da waren. Und dann waren da so viele Fragen.

    Sie beschreiben die „antizipatorische Trauer“ als sehr prägend.
    Ja. Antizipatorische Trauer kennen auch Menschen, die mit Demenz-Patienten zu tun haben. Diese Krankheit verändert die Persönlichkeit – und diese Leute müssen sich von den ihnen bekannten Menschen verabschieden, obwohl sie noch leben. Bei assistiertem Suizid setzt antizipatorische Trauer in dem Moment ein, wo klar ist, dass die Menschen bald gehen. Es ist eine Verarbeitungsreaktion.

    Was hat Sie und ihre Geschwister in dieser Situation getragen?
    Alle vier Geschwister haben die Entscheidung meiner Eltern unterstützt. Keiner hat gesagt: „Ihr spinnt“. Das finde ich bemerkenswert. Wir haben untereinander als Geschwister so offen kommuniziert, wie es ging und die Befindlichkeiten der anderen akzeptiert.

    Und wie hat sich der Prozess auf Ihren Körper und Ihren Alltag ausgewirkt?
    Bei mir setzte Haarausfall ein, als die Nachricht kam. Es ist ein so passendes Bild für das Loslassen. Einer Schwester von mir ging es ähnlich. Außerdem war ich nur noch eingeschränkt belastbar und musste meinen Alltag entsprechend umstellen. Ich war zum Beispiel viel vergesslicher und deutlich müder. Das zeigt, wie viel Energie mein System brauchte, um mit der Situation klarzukommen und sie zu verarbeiten.

    Dazu kam, dass Sie eine Versorgungslücke für Angehörige bemerkten und es einige Hürden mit Behörden gab. Zusätzlicher Stress also. Was hat Ihnen in der Zeit konkret gefehlt?
    Mir haben andere Erfahrungsberichte gefehlt. Erst durch intensive Recherche, zu der ich in der Zeit vor dem Tod meiner Eltern noch nicht in der Lage war, fand ich ein wenig Material. Ich habe nun also genau das Buch geschrieben, das mir selber gefehlt hat. Außerdem ist diese Art aus dem Leben zu scheiden noch zu außergewöhnlich – weshalb das Gesundheitsamt, die Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft sich wohl erst einmal daran gewöhnen müssen, wie mit dieser Art von unnatürlichem Tod umzugehen ist. Doch die zuständigen Behörden und auch die Ärzteschaft lernen gerade viel dazu.

    Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Missverständnisse in der öffentlichen Debatte des assistierten Suizids?
    Die Begrifflichkeiten „Indirekte Sterbehilfe“, „Passive Sterbehilfe“, „Aktive Sterbehilfe“, „Assistierter Suizid“, sind oft nicht klar und werden verwechselt. Deswegen gibt es in meinem Buch auch ein Kapitel, das diese Begriffe klar definiert. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland zum Beispiel strikt verboten, wohingegen es in den Niederlanden über 90 % der Sterbehilfe-Fälle ausmacht.

    In Ihrem Buch geht es nicht um ein „für oder gegen assistierten Suizid“ geht. Gab es dennoch Momente, in denen Sie sich innerlich positioniert haben?
    Ich bin und bleibe ambivalent. Was mich selbst überrascht. Ich habe gründlich recherchiert, etliche andere Erfahrungsberichte gesammelt und mich mit vielen Menschen mit diesem Thema auseinandergesetzt. Heraus kommt immer: Das ist kein „Ja/Nein“-Thema, sondern ein „Lass uns darüber sprechen“-Thema. Und genau das löst mein Buch auch aus. Es wird ganz viel diskutiert. Und das freut mich.

    Und wie hat sich Ihr Blick auf Tod, Würde und Selbstbestimmung durch das Erlebte verändert oder geschärft?
    Ich weiß jetzt so viel mehr über die vielen bestehenden Möglichkeiten, in Würde und selbstbestimmt zu sterben und was das genau für mich bedeutet. Mir ist noch klarer geworden, dass jeder eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht haben sollte. Früher hatte ich Angst, mich mit meiner eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Ich habe mich zum Glück schon vor Jahren durch eine krebskranke Freundin dieser Angst gestellt und bin heute in der Lage mit Menschen offen über Tod und Sterben zu sprechen. Es gibt viel zu wenig geschützte Räume dafür. Deswegen veranstalte ich momentan zum Beispiel interaktive Online-Lesungen, in denen Fragen willkommen sind. Demnächst wird es auch Live-Lesungen in Hamburg geben.

    Interview: Hanna Odenwald

    Dürfen die das? Der assistierte Suizid meiner Eltern, Inge Schumacher, TB, 226 Seiten, 20 €

    Aufmacherbild: Adobe Stock

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