Ob die Hinrichtung des Piraten Störtebeker oder der Große Brand von 1842 – in der Historie der Hansestadt lauern zahlreiche spannende Momente, die ein facettenreiches Bild der Stadt zeichnen. Mit „Hamburg – Kleine Stadtgeschichte“ erkundet Autor Matthias Gretzschel diese lebhafte Vergangenheit. Wir wollten von ihm wissen, was ihn am meisten an der Hamburger Geschichte fasziniert.
Das ist bereits die vierte Auflage des Buches. Warum war eine aktualisierte Version notwendig?
Matthias Gretzschel: Als das Buch 2008 erstmalig erschien, war Ole von Beust Erster Bürgermeister und die Grundsteinlegung der Elbphilharmonie lag gerade einmal ein Jahr zurück. 2016, im Jahr der dritten Auflage, konnte sich noch niemand vorstellen, dass Olaf Scholz vom Hamburger Rathaus in die Bundesregierung und schließlich sogar ins Kanzleramt wechseln würde. Und mit Corona verband man damals vielleicht eine spanische Biermarke, aber keine weltweite Pandemie, die auch für Hamburg gravierende Folgen haben würde. Da es der Anspruch dieser Stadtgeschichtsreihe ist, auch zeitgeschichtliche Entwicklungen zu dokumentieren, waren Aktualisierungen also notwendig.
Welcher Fakt über die Hamburger Geschichte hat Sie am meisten fasziniert oder überrascht?
Das Thema ist mir vertraut, da ich mich als Journalist und Buchautor schon seit Jahrzehnten mit der Hamburger Geschichte beschäftige. Überrascht hat mich bei der Recherche daher nichts, faszinierend finde ich aber viele Aspekte der stadtgeschichtlichen Entwicklung. Etwa Hamburgs Fähigkeit, sich angesichts veränderter Rahmenbedingungen immer wieder neu zu erfinden: Wie man zum Beispiel die Katastrophe des Großen Brandes von 1842 dafür nutzte, eine zukunftsweisende Stadtplanung durchzusetzen und das auch noch mit großem architektonischem Anspruch. Völlig zu Recht hat Hamburgs bedeutendster Oberbaudirektor Fritz Schumacher in diesem Zusammenhang vom „Kunstwerk Hamburg“ gesprochen.
Wie sind Sie mit widersprüchlichen historischen Überlieferungen umgegangen?
Die Hamburger Stadtgeschichte ist gut erforscht. Dass man jedoch nicht jede historische Überlieferung für bare Münze nehmen kann, ist unter Historikern unumstritten. Ein hübsches Beispiel dafür ist die Dreistigkeit, mit der die Hamburger Stadtväter die von Kaiser Barbarossa 1189 angeblich mündlich erteilten Privilegien nachträglich in einem aufwendig gefälschten Freibrief wunschgemäß fixieren ließen. Dass das Siegel nicht zum Ausstellungsdatum passt, kam erst Jahrhunderte später heraus. Der Hafengeburtstag steht also historisch betrachtet auf wackeligen Füßen. Macht aber nichts, gefeiert wird er trotzdem.
Sie setzen sich schon viele Jahre mit Hamburgs Geschichte auseinander. Hat sich in dieser Zeit Entscheidendes verändert?
Die wichtigste Veränderung, die beim Erscheinen der ersten Auflage noch gar nicht absehbar war, betrifft Hamburgs Frühgeschichte: Nach der Auswertung umfangreicher Grabungsergebnisse wissen wir seit 2014 endlich, wo genau sich die für die Stadt namensgebende Hammaburg befunden hat. Das hat sogar zur Umbenennung des traditionsreichen Domplatzes geführt, der seit 2024 Hammaburg-Platz heißt und damit den historischen Ursprung Hamburgs verortet. Mal sehen, welche neuen Erkenntnisse unseren Blick auf Hamburgs Geschichte in den nächsten Jahren erweitern und vielleicht auch verändern werden – und dann natürlich auch Niederschlag in der fünften Auflage der „Kleinen Stadtgeschichte“ finden. Das Interview führte Luca Ellen Mohr

In acht Kapiteln, von “Es begann mit Ansgar: Die Hammaburg und die Gründung der Stadt” bis “Neuanfang und Wiederaufbau: Von 1945 bis ins 21. Jahrhundert”, erklärt der ehemalige Kulturredakteur und Buchautor Dr. theol. Matthias Gretschel unsere Stadtgeschichte. Erstmals 2007 erschienen, wurde diese 2011, 2013 und eben 2025 aktualisiert, überarbeitet und ergänzt, was sich auch an einer informativen Zeittafel am Ende des Buches gut festmachen läßt. Sie startet um 600, reicht jetzt bis 2025 und endet, was ich als HSV Fan Weltklasse finde, mit folgendem für die Stadtgeschichte bedeutendem Satz: “10. Mai: Mit einem 6:1 Sieg gegen den SSV Ulm macht der HSV seine Rückkehr in die Bundesliga perfekt.” Dass der FC St. Pauli das auch geschafft hat, steht natürlich auch in der Zeittafel … es war am 12. Mai 2024. Abschließend folgt eine Liste der Bürgermeister ab 1946.
Fazit: Das Buch vermittelt gut lesbar und teils mit klasse Wortwitz viel Wissenswertes über Hamburg. Top!
Aufmacherbild (und Cover des Buches): Elias Galli (1650-1712), Ansicht von Hamburg von der Elbseite um 1680, Sammlung Museum für Hamburgische Geschichte © gemeinfrei
