Mittwoch, 11. Februar 2026
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    Über Veränderung, Hoffnung und Orientierung in der Zeitenwende

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    Michael Göring nimmt uns in seinem Roman „Algund” in große, bedeutende Themen mit. Wenn auch von einer intellektuellen Ernsthaftigkeit geprägt, kommt das Buch niemals als düster daher. Im Gegenteil: Der Roman ist voll von Geschichten, die sich letztlich alle auf spannende und nahbare Weise mit der persönlichen Zeitenwende der Babyboomer und der politisch-gesellschaftlichen Zeitenwende verbinden – und im Inhalt und Tonus jede Generation fesseln dürfte.

    Ihr Roman beschreibt die innere Auseinandersetzung einer Generation, die den Frieden in Europa als Nachkriegsgeneration für selbstverständlich hielt. Welche Verantwortung tragen die Babyboomer Ihrer Meinung nach heute – politisch, ökologisch, gesellschaftlich?
    Michael Göring:
    Wir haben uns nach der Wiedervereinigung 1989/90 allzu sicher gefühlt. Endlich sollte das Versprechen „Nie wieder Krieg!” zumindest für Europa aufgehen. Wir wollten die sicherheitspolitischen Veränderungen, die bereits 2014 mit dem Überfall auf die Krim einsetzten, nicht sehen. Auch ökologisch sind wir erst sehr spät wach geworden.

    Sie sind 1956 geboren – elf Jahre nach Kriegsende. Wie hat Ihre Kindheit in Westfalen Ihr politisches und gesellschaftliches Denken geprägt?
    Auf der einen Seite – die vielen Lehrer an meiner Schule mit nur einem Bein, einem Auge, einem Arm oder anderen Kriegsverletzungen; die Eltern und Großeltern erzählten von ihren Kriegserfahrungen, den Schützengräben, den Trennungen, der Flucht, dem Hunger. Auf der anderen Seite – der Aufschwung, das Wirtschaftswunder, das Versprechen: wenn du dich in der Schule anstrengst, hast du alle Chancen. Fleiß wird belohnt.

    Vier Charaktere treffen auf die jungen Charaktere Aniela, Oliver und Darja. Was für eine Stimmung wollten Sie mit diesem Szenario erzeugen – welche Gegenüberstellung war Ihnen wichtig, deutlich zu machen?

    Lutz, Mira, Tom und auch Doro konnten sich als Babyboomer recht unbesorgt und geradlinig entfalten. Sie hören Abba und – das tut dem Roman gut – feiern, spielen Karten, essen gut, trinken gut, vielleicht auch mal zu viel, und tanzen. Dem gegenüber stehen die drei, die es als junge Erwachsene nicht leicht haben: Aniela, genau zur Wende in Warschau geboren, ist impulsiv, gefühlsbetont. Der Besuch in Srebrenica wühlt sie extrem auf. Damit berührt sie Lutz tief, der sich gleich in sie, die junge Studentin, verliebt. Er erlebt ein großes Gefühl, außerhalb seiner Routine. Sie lässt sich auf das Verhältnis ein. Aniela bleibt gefühlsgesteuert, verlässt Lutz, verlässt die Uni und geht zu einer NGO nach Sarajewo, arbeitet in Qualifizierungsprojekten für bosnische wie serbische Jugendliche. Oliver sieht sich im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Das führt ihn nach Südamerika, er scheitert, verliert sein Leben. Er ist Lutz’ Sohn, von dem Lutz allerdings nicht wusste. Wie ein Foto zeigt, ist er sein Ebenbild, sein Schatten, geht aber einen ganz anderen Weg. Lutz konnte als junger Mann geradlinig seinen Gang zur Professur verfolgen, er ist keine Risiken eingegangen, anders als Oliver, anders als Aniela. Darja ist Mitte 20, flieht mit Mutter und Kind 2022 aus der Ukraine nach Südtirol, lässt ihren Mann zurück, leidet ungemein unter der Trennung, muss Verantwortung und Sorge allein tragen. Der Roman zeigt: die drei jungen Gestalten stehen vor anderen, wohl vor größeren Herausforderungen als die vier Boomer. Die Bewertung überlasse ich den Lesern und Leserinnen.

    Inwiefern sehen Sie das Scheitern des Pazifismus als einen Wendepunkt nicht nur im Denken Ihrer Figuren, sondern auch in der europäischen Selbstwahrnehmung? Ist die Vorstellung von moralischer Außenpolitik überholt?
    Zeitenwende heißt: anerkennen, dass der Pazifismus ans Ende gekommen ist, vielleicht nur das vorläufige. Wenn man von der Gewalt und Macht eines Aggressors nicht eingeholt werden will, muss man dem Aggressor eigene Stärke entgegensetzen. Das ist der „Weg” im Buch: vom Pazifismus zum Rüsten und Reden.

    Der Roman spielt vor dem Hintergrund einer politischen Zeitenwende. Was bedeutet das für Ihre Figuren auf emotionaler und moralischer Ebene – und was könnte das für uns alle bedeuten?
    Auf emotionaler Ebene: Damit fertig werden, dass die überaus angenehme Vorstellung, man könne doch europäische Sicherheit durch Verträge und Gespräche regeln, nicht mehr gilt. Mit großen Veränderungen fertig werden, mit Angst umgehen. Lutz hat ein schwarzes Tier im Magen, Doro wird von Wachalbträumen geplagt.

    Ihr Roman scheint implizit die Frage aufzuwerfen: Ist Demokratie heute zu fragil, um allein aus sich selbst heraus zu bestehen? Was halten Sie für die größte Bedrohung für die freiheitliche Gesellschaft?
    Doro bringt den Gedanken der Fragilität der Demokratie deutlich vor. Die Gefahr droht, dass viele Menschen denken, man könne es doch mal mit der Autokratie versuchen. Bloß nicht, dann ist die persönliche Freiheit dahin.

    Klimakatastrophe, Krieg, Werteverlust – wie verändert sich das Verhältnis der Protagonist*innen zu ihrer Vergangenheit, wenn die Zukunft so bedroht erscheint?

    Nicht in der Vergangenheit verharren, sondern aufwachen, sich den Realitäten stellen, über die veränderte Lage miteinander reden, mit Vernunft reagieren, Freundschaften suchen und darüber zu neuem Gleichmut finden.

    Sie thematisieren Alter(n), Bedeutungsverlust und die Suche nach neuer Identität. Ist diese Suche eine individuelle Erfahrung oder Ausdruck einer kollektiven Desorientierung unserer Zeit?
    Hier sprechen Sie die persönliche Zeitenwende der Boomer Generation an, die Abschied vom Berufsleben nehmen muss, nicht mehr ganz so attraktiv daherkommt, neue Wege suchen muss. Das ist vor allem eine individuelle Erfahrung, mit der man aber besser zurechtkommt, wenn man die persönlichen Ängste teilt. Das suchen ja die beiden Männer Lutz und Tom, die ihre alte Freundschaft wieder beleben wollen, auch wenn dabei schmerzliche Geschehnisse aus der Vergangenheit (alte Konkurrenz, alte Liebschaften) hochkommen.

    Wie erleben Sie persönlich diese Thematiken? Gab es beim Schreiben Momente, in denen Sie sich selbst in den Figuren wiedererkannt haben – vielleicht auch in deren Ängsten oder Zweifeln?
    Ich bin 69 Jahre alt, bin persönlich wahnsinnig enttäuscht über Putins Verrat an der europäischen Sicherheits- und Friedenspolitik, bin verunsichert, muss mich dem Älterwerden stellen und versuche, dennoch zu Gleichmut und Zuversicht zu gelangen. Die Leser*innen spürt, dass hier ein Autor schreibt, der sich recht authentisch in den wichtigsten Personen wiederspiegelt.

    Was sagt die Geschichte Ihrer Figuren über die Art aus, wie wir heute mit existenziellen Ängsten umgehen? Braucht es mehr individuelle Resilienz – oder mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt?
    Es braucht beides. Tom zeigt, dass er neben Freundschaft spirituellen Halt sucht. Er hat anderthalb Jahre im Kloster gelebt und kommt jetzt in Rückblenden wieder darauf zurück. Auch frühere Romane von mir beleuchten die Bedeutung von spiritueller Rückbindung. Gesellschaftlicher Zusammenhalt kann die private Resilienz erheblich stützen. Die Wiedervereinigung 1989/90 war solch ein großer tragender Moment – gerade auch für die Erfahrung des Einzelnen. Doro bringt das im Roman deutlich zur Sprache.

    Am Ende tanzen die Figuren – ist das ein Zeichen von Hoffnung, von Eskapismus oder eine Form innerer Freiheit? Was wollten Sie den Leser*innen mit diesem Bild mitgeben?
    Ganz klar: Bloß nicht verzweifeln. Cool bleiben (Tom), Ängste ansprechen und die Veränderungen annehmen (Lutz), sich nicht hinter einer Maskerade verstecken (Doro), realistisch die Schönheit des Momentes sehen (Mira) – und für alle gilt: trotz alledem genießen können.

    Was bedeutet es, heute als Autor über die „Zeitenwende” zu schreiben, ohne in Parteinahme oder Larmoyanz zu verfallen? Wie gelingt Ihnen diese Gratwanderung?
    An drei Stellen im Buch spricht Tom über die philosophische Grundhaltung der Ataraxia. Ataraxia bedeutet einen Weg, über die Logik, über den Verstand, über den Austausch, das Gespräch unter Freund*innen zu Ausgeglichenheit und Langmut zu kommen. Auch wenn Lutz und Tom aus ihrem früheren Leben noch so manche Geschichte (alte Liebschaften) klären müssen, was dem Roman eine besondere Note verleiht, kann Lutz ihm am Ende folgen.

    Gibt es eine Passage in „Algund”, die Ihnen persönlich besonders nahe geht?
    Es gibt für Lutz ein entscheidendes Jahr: 1972. Da ist er erst 17, verliebt sich beim Tennis in eine junge Frau – Anna – die fast doppelt so alt ist wie er. Da knistert es im Roman. 2022 spielt Anna noch einmal eine Rolle in seinem Leben und auch diese Rolle hat zur Überraschung der Leser*innen mit dem Zweiten Weltkrieg und mit Putins Krieg zu tun.

    Interview: Hanna Odenwald

    Michael Göring, Algund, Osburg Verlag, Gebunden, 24 Euro

    Aufmacherbild: Literaturwissenschaftler und Autor Michael Göring © David Ausserhofer

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