Mittwoch, 11. Februar 2026
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    Botschaften ohne Gesang

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    Der Hamburger Jürgen Spiegel ist einer der besten deutschen Schlagzeuger und spielt in einem der besten deutschen Jazz Trios: dem in Eppendorf gegründeten Tingvall Trio mit Omar Rodriguez Calvo und Martin Tingvall. Jetzt kommt deren 10. Studioalbum raus: PAX. Auf lateinisch heißt das bekanntermaßen Frieden und Pax ist außerdem der Name der römischen Friedensgöttin. Tipp: Im Dezember spielt das Trio Lieder vom neuen Album in ihrer Heimatstadt.

    ALSTER AKTUELL: Wir leben in katastrophal unruhigen Zeiten. Da wird der Titel PAX nicht zufällig gewählt worden sein, oder? 
    JÜRGEN SPIEGEL: Der Titel PAX ist bewusst gewählt. In einer Zeit voller Unruhe und Unsicherheit wollten wir mit dem Album ein Zeichen setzen – für Ruhe, Ausgleich und innere Harmonie. Musik kann ein Ort des Friedens sein, ein Raum, in dem man kurz das Chaos der Welt hinter sich lässt. PAX soll genau das ausdrücken und gleichzeitig wie ein Spiegel wirken: Sie widerspiegelt die Zeit, zeigt ihre Turbulenzen, aber auch Momente der Gelassenheit und des Innehaltens.

    Ihr seid ein instrumentales Jazz-Piano-Trio – da ist es doch sicherlich schwer gesellschaftskritische Botschaften ohne Texte zu vermitteln. Wie gelingt euch das? 
    Als instrumentales Jazz-Piano-Trio arbeiten wir mit Stimmungen, Dynamik und musikalischer Erzählkraft. Auch ohne Worte kann Musik Botschaften transportieren – sie wirkt direkt auf die Gefühle der Menschen. Durch Harmonie, Rhythmus, Klangfarben und die Art, wie Themen entwickelt werden, können wir bestimmte Stimmungen erzeugen und zum Nachdenken anregen.
    Bei ‚PAX‘ ist der Wunsch nach Frieden sicherlich ein zentraler roter Faden, aber das Album spricht auch über andere Aspekte unserer Zeit: Reflexion, Zwischenmenschliches, Momente der Hoffnung und Gelassenheit. Jeder Song erzählt seine eigene Geschichte und eröffnet Raum für Interpretation – so kann jeder Hörer seine eigenen Gedanken und Gefühle einbringen. Musik bleibt ein offenes Medium, das viel mehr transportiert als Worte allein.
    Die Stücke reichen von Weltuntergangsstimmung (The End) bis zum Aufruf zu mehr Offenheit (Open Gate). Unsere Wurzeln aus Schweden, Kuba und Deutschland fließen da genauso ein wie Jazz, Pop oder Klassik.

    Ihr seid ja ein Trio mit dir, Martin und Omar – schreibt ihr die Alben / Stücke gemeinsam? 
    Im Trio ist die Arbeit klar verteilt: Martin bringt viele Ideen für neue Stücke, Omar und ich entwickeln die Arrangements für Bass und Drums– und am Ende formen wir gemeinsam Klang, Dynamik und Stimmung. 
    So kann sich ein Power-Stück schon mal in eine Ballade verwandeln, und umgekehrt. Genau dieses Ineinanderfließen von Komposition und Interpretation macht unseren typischen Trio-Sound aus. An PAX haben wir monatelang gefeilt: Manche Stücke waren sofort da, andere brauchten ihre Zeit – immer im engen Austausch zwischen uns dreien. Am Ende könnte man sagen: Die Musik ist unser eigentlicher Chef.

    Hat regelmäßig in Eppendorf geprobt: das Tingvall Trio mit Namensgeber und Pianist Martin Tingvall,  Kontrabassist
    Omar Rodriguez Calvo und Schlagzeuger Jürgen Spiegel (v.l.) ©  Steven Haberland

    Worauf freust du dich bei der 10. Auflage und der dazugehörigen Tour am meisten? Habt ihr was anders gemacht….
    Die 10. Auflage und die Tour bedeuten für mich ein besonderes Innehalten – wie ein Blick zurück auf eine lange Reise und gleichzeitig der Aufbruch in ein neues Abenteuer. Am meisten freue ich mich darauf, die neuen Stücke endlich lebendig werden zu lassen. Musik bekommt ihre wahre Gestalt ja erst, wenn sie auf ein Publikum trifft, wenn dieser unsichtbare Funke überspringt. Und genau auf diesen Moment warten wir mit jeder Tour – diesmal vielleicht noch ein Stück gespannter als sonst. Das Besondere diesmal ist gar nicht so sehr ein anderes Konzept, sondern das Zusammenspiel selbst. Nach all den Jahren kennen wir uns so gut, dass wir uns auf der Bühne völlig frei begegnen können. Jeder weiß, wie der andere atmet, phrasiert, reagiert – und genau daraus entsteht dieser Moment, den wir alle suchen: wenn drei Stimmen plötzlich wie eine klingen. Darauf freue ich mich am meisten.

    Euer neuntes Album „Birds“ aus dem Jahr 2023 wurde – wie einige weitere Alben auch – Nr.1 der Deutschen Jazz Charts – ist so etwas Lust oder Last, weil die Messlatte hoch liegt?
    Dass ‚Birds‘ und einige unserer anderen Alben auf Platz 1 der Deutschen Jazz Charts gelandet sind, ist natürlich unglaublich schön und motivierend. Als erfolgreichstes Jazztrio aus Hamburg und Deutschland, mit drei ECHOs, acht Jazz Awards, drei Impalas und sogar Platin-Alben, könnte man meinen, die Messlatte liege fast erdrückend hoch. Aber wir empfinden das nicht als Last. Im Gegenteil: es ist eine Einladung, weiter neugierig zu bleiben, Grenzen zu überschreiten und uns musikalisch immer wieder neu zu erfinden. Am Ende zählen für uns nicht die Trophäen oder Platzierungen, sondern dass die Musik uns selbst berührt – und genau diesen Funken wollen wir immer wieder aufs Publikum überspringen lassen. Es spornt uns an, weiter zu experimentieren, neue Ideen einzubringen und uns musikalisch weiterzuentwickeln. Letztlich bleibt das Wichtigste, dass wir Musik machen, die uns selbst berührt und die wir mit Leidenschaft spielen können.

    Deine Frau Aino Löwenmark ist Teil des Duos Fjarill, über das wir schon oft berichtet haben und bei dem du auch teils auf der Bühne stehst, gibt es einen familieninternen Kampf, wer erfolgreicher ist? 
    Nein, einen familieninternen Kampf gibt es bei uns nicht – Erfolg messen wir nicht gegeneinander. Ganz im Gegenteil: Wir haben viele Berührungspunkte in unserer Musik. 2016 habe ich Ainos Solo-Album ‚Human‘ produziert und auch die letzten Fjarill Alben habe ich produziert, und bis heute stehe ich manchmal bei Fjarill mit auf der Bühne. Zuhause machen wir durch aus Musik zusammen, aber es ist kein ständiges Arbeiten – eher ein natürlicher Austausch, manchmal entstehen Ideen aus kleinen gemeinsamen Sessions oder spontanen Gesprächen über Musik. Es ist einfach schön, diese Leidenschaft teilen zu können. Ich würde auch Musik machen, wenn ich tagsüber einen anderen Beruf hätte und Aino geht es genauso. Die Musik hat uns eben ausgesucht. Infos zum Tingvall Trio gibt es HIER.


    PAX ist beim Label Skip Records erschienen und kostet 17 Euro.

    KONZERTTIPP:
    Am 09. und 10. Dezember spielt das Tingvall Trio in der Fabrik, Infos und Tickets gibt es HIER.

    Kai Wehl
    Kai Wehl
    Chefredakteur
    Anzeigen-Spezial

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