Samstag, 25. September 2021
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    StartSportFußball"Ist der HSV auf dem richtigen Weg?"

    “Ist der HSV auf dem richtigen Weg?”

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    Kaum Teilnehmer auf der Jahreshauptversammlung. Im vierten Jahr 2. Liga ist eine Blamage. Die Beteiligung Kühnes war ein Fehlschuss. Wie an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen? Wann können wir in Hamburg wieder Spiele gegen Borussia Dortmund oder Bayern München sehen? Ein zweites Gespräch mit Jürgen Hunke von alster-aktuell.de über die HSV-Zukunft.

    JÜRGEN HUNKE selbst war im HSV über 30 Jahre in verschiedenen Positionen aktiv: Präsident, Aufsichtsratsmitglied, Vorsitzender der HSV-AG u.a. Viele Fußballfreunde haben den Wunsch zu erfahren, was die wirklichen Gründe für den Niedergang sind. In mehreren Folgen wird Jürgen Hunke erklären, wie es so weit kommen konnte und vor allem beschreiben, an welchen Stellschrauben man drehen muss, um eine Verbesserung der Gesamtsituation zu erzielen

    Alster-Aktuell: Der HSV, einer der größten Vereine in Deutschland, hat kürzlich seine Jahreshauptversammlung abgehalten. Waren Sie mit dem Verlauf zufrieden, und ist der Verein für die Zukunft gerüstet?
    Jürgen Hunke: Leider waren von den rund 80.000 Mitgliedern lediglich rund 400 anwesend. Und bei den für mich entscheidenden Fragen waren nur noch circa 220 im Saal, die mit über die Zukunft des Vereins diskutieren wollten.

    Welche Ursachen sehen Sie für das mangelnde Interesse?
    In einem Fußballverein ist es in der Regel der sportliche Misserfolg, auch das Drumherum und die finanzielle Schieflage. Das sind die wahrscheinlichen Gründe, warum sie fernbleiben.

    Einst Spitze in Europa, jetzt nur noch zweitklassig – mehr Enttäuschung geht für die HSV-Anhänger allerdings kaum…
    Dass wir im vierten Jahr in der zweiten Liga spielen, ist eine Blamage für einen der einst erfolgreichsten Verein Deutschlands. In den letzten sieben Jahren gab es ein mehrstelliges negatives Millionenergebnis im operativen Geschäft. Aber dafür sind nicht die Fußballer und nicht die Trainer verantwortlich, sondern die handelnden Personen im Management. Ich habe von meinem Vater gelernt, man darf nie mehr ausgeben als man einnimmt. Das ist die sicherste Methode für eine solide Finanzpolitik.

    Was ist zu tun, den unbefriedigenden Zustand deutlich zu verbessern?
    Ganz wichtig ist das richtige Konzept von Motivation und Begeisterung, eine mittel- bis langfristige Ausrichtung. Der HSV hat das Glück, viel Erfahrung in der Vergangenheit als sehr erfolgreicher Fußballclub zu haben. Darum muss man als ordentlicher Kaufmann alle Details hinterfragen und beachten. Aus meiner Sicht ist der wichtigste Baustein des Erfolgs die völlige Transparenz bei allen Zahlen und Entscheidungen. Hier wünsche ich mir eine ganz andere Offenheit.

    Warum funktioniert das nicht?
    Man hat die Mitglieder und den Verein bei der Ausgliederung vor einigen Jahren betrogen mit Versprechung und Zusagen, die man nicht einhalten wollte oder konnte. Ich gebe ein Beispiel. Wenn wir früher im HSV e.V. eine Satzung verändert haben, hat sich damit ein Satzungsausschuss meist über ein Jahr lang intensiv in vielen Diskussionen beschäftigt. Das führte dann zu einem guten Ergebnis. Aber durch die Ausgliederung wurde der Club in einen eingetragenen Verein, also e.V., wo die Mitglieder vereint sind, und in eine Fußball-AG aufgespalten. Diese AG hat leider teilweise schon ohne Konzept Anteile verkauft. Die Zuständigen der Fußball-AG brauchen heute nur auf ihre Satzung zu verweisen, die sie davor schützt, Auskünfte z. B. über Finanzen gegenüber den Mitgliedern zu geben. Ist das Transparenz? Dabei braucht gerade der undurchsichtige Transfermarkt totale Kontrolle, um bei den Millionen-Umsätzen einen klaren Überblick zu haben. Je größer die Umsätze werden, desto schwieriger wird das Geschäft. Aber umso wichtiger wird der Bereich Controlling und Transparenz.

    Warum wurde damals so schnell ausgegliedert, ohne verschiedene Angebote eingeholt und andere Modelle studiert zu haben und zu prüfen?
    Die Beteiligung des Schweizer Unternehmers Kühne am HSV war von Anfang an ein Fehlschuss. Weil damit Erwartungen bei einzelnen Personen besonders auch aus dem ehrenamtlichen Funktionärskreis des HSV geweckt wurden. Viele erhofften sich einen hochbezahlten Job und träumten von üppigen Gehältern, welche durch die Beteiligung von Herrn Kühne möglich schienen. Mittlerweile sind alle diese Personen verschwunden, weil das Ziel, das sportliche wie das wirtschafltiche, nicht erreicht wurde. Das wäre auch zu einfach gewesen. Der Eigentümer der Mehrheitsanteile des HSV braucht dringend eine Überarbeitung der AG-Satzung, um ein neues Fundament der Stabilität zu erhalten und die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen zu ermöglichen.

    Welche Lösung schwebt Ihnen vor?

    Es gibt aus meiner Sicht nur zwei Kriterien, die die negative Entwicklung bremsen können:

    1. Herr Kühne wird mit seinem Geld von ca. 250 Millionen Euro eine stabile Basis schaffen, dazu mit Toppleuten im HSV-AG-Management, so wie er das in seinen Unternehmen auch praktiziert.
    2. Die Alternative ist, er wird durch eine Einmalzahlung alle Minus-Salden und Verbindlichkeiten, die durch sein Mitwirken entstanden sind, ausgleichen, und der Verein bekommt so eine Chance, sich nach meinen vorgeschlagenen Grundsätzen neu aufzustellen. Ich habe in verschiedenen Veröffentlichungen mehrmals mit dem Slogan „Herr Kühne muss liefern!“ diese Bitte an ihn gerichtet.

      Bietet es sich nicht an, weitere Gesellschafter zu gewinnen, die Anteile übernehmen?
      Das ist leider nicht möglich, weil sich durch die Dominanz von Herrn Kühne mit seinen Milliarden-Vermögen kein anderes Unternehmen beteiligen wird, da sich aus meiner Erfahrung der gewünschte PR- bzw. Image-Gewinn für sie nicht erzielen läßt.

      Warum haben Sie Ihre Gedanken und Vorstellungen Herrn Kühne nicht selbst mitgeteilt?
      Wir hatten vor einigen Jahren ein längeres persönliches Gespräch. Da habe ich ihn gebeten, von der geplanten Ausgliederung abzusehen. Ich hatte dabei den Eindruck, dass das Fußballgeschäft für Herrn Kühne undurchschaubar war, und als sogenannter Fan wollte er etwas Gutes für den HSV und die Stadt Hamburg tun. Ich konnte ihn leider nicht überzeugen, einen Kompromiss zu vereinbaren, da er sich nicht vorstellen konnte, dass es vielen im HSV Handelnden nur um ihre eigenen Vorteile ging. Diese Personen haben mittlerweile alle das HSV-Schiff verlassen. Und wir müssen mit den Folgen leben und jetzt handeln, damit wir das Schiff wieder auf Kurs zu bekommen. Ich möchte auch in Hamburg wieder Spiele gegen Mannschaften von Borussia Dortmund und Bayern München sehen. Das wäre mein Wunsch.

      Mit Jürgen Hunke sprach Wolfgang Golz

    Ein Beitrag aus der Rubrik “Guten Morgen, Hamburg”. Unter diesem Motto weckt Jürgen Hunke (78) fortan unsere Stadt. Er wird regelmäßig zu verschiedenen Themen-Komplexen Stellung nehmen, die den Alltag der Menschen hier
    mitbestimmen: Hamburg, Rente, Korruption und Visionen. Der HSV bleibt sowieso Gegenstand weiterer Berichte und Analysen. Mal provoziert Jürgen Hunke, mal regt er an und mal versöhnt er. Der Familienvater ist selbständiger Unternehmer, Eigentümer der Hamburger Kammerspiele, war HSV-Präsident und erwarb sich als Galerist einen nachhaltigen Ruf.

    Anzeigen-Spezial
    Kai Wehl
    Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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