Donnerstag, 24. Juni 2021
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    „Filz und Korruption sind wie eine Virus“

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    „Guten Morgen, Hamburg!“ – unter diesem Motto weckt Jürgen Hunke fortan unsere Stadt. Regelmäßig, unkonventionell, forsch, hin und wieder frech. Der Unternehmer mit Wohnsitz in Alsternähe genießt seine Unabhängigkeit: Er sagt, was er denkt. Und er macht sich Gedanken über die Zukunft der Hansestadt. Im ersten Beitrag geht es um Filz und Korruption, leider auch in Hamburg keine Fremdworte.

    Alster Aktuell: Herr Hunke, regiert in Hamburg der Filz?
    Jürgen Hunke: Sicher ist, dass viele Winkel unserer Stadt verfilzt sind – nicht nur im Immobiliensektor. Nach schlimmen Jahren ist in einigen Bereichen eine kleine Verbesserung eingetreten. Dennoch sind Filz und Korruption vorhanden. Beides hängt zusammen.

    Gibt es aus Ihrer Sicht bei uns tatsächlich Korruption?
    In Hamburg herrschen keine Zustände wie in einer Bananenrepublik. Dass einer dem anderen hinter dem Rücken ein Bündel Scheine zusteckt. Korruption erfolgt heutzutage intelligenter, viel raffinierter. Die krummen Geschäfte von Bundestagsabgeordneten mit Schutzmasken sind die Spitze des Eisbergs.

    Dieser Skandal betraf keine Parlamentarier aus Hamburg…
    Nein, allerdings darf die Politik das Grundproblem nicht schönreden. Wenn Menschen über immense Geldsummen entscheiden, die nicht ihnen gehören, oder lukrative Bauprojekte im Brennpunkt stehen, droht Gemauschel. Umso wichtiger sind engmaschige Kontrollen. Konkrete Fälle skrupelloser Geschäftemacherei werden in dem von meinem Verlag publizierten Buch „Das Machtkartell“ geschildert. Die beiden Autoren, namhafte Journalisten, haben monatelang recherchiert.


    Im Untertitel heißt es: „Die Stadt als Beute“. Indes erschien das Buch vor 20 Jahren. Hat sich die Entwicklung überholt?
    Die Mechanismen von Filz und Korruption sind im Grundsatz gleichgeblieben. Fraglos war der politische Morast zur Jahrtausendwende besonders tief. So wie es eben ist, wenn Parteien lange an der Macht sind. Es geht auch gar nicht darum, bestimmten Parteien Vorwürfe zu machen. Viel wichtiger ist: Bei Verdachtsmomenten und Hinweisen auf Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft muss konsequent eingegriffen, untersucht und bestraft werden. Korruption zerstört die Demokratie.

    Das sind heftige Behauptungen. Gibt es Beweise?
    Hand aufs Herz: An manchen Ecken dieser Stadt stinkt es gen Himmel. Um Details aufzuklären, braucht man ein kompetentes Team unerschrockener, ehrlicher Menschen. Davon gibt es ausreichend. Jedoch muss der Standpunkt vorhanden sein, Gemauschel hinter den Kulissen auf den Grund zu gehen. Wo sehr viel Geld zu verdienen ist, lauert Gefahr, dass irgendjemand mehr profitiert als erlaubt.

    Wollen Sie die Politik intensiver in die Pflicht nehmen?
    Es darf nicht angehen, dass beispielsweise Senatoren nach ihrem Rückzug aus der Politik privatwirtschaftlich in Gebiete zurückkehren, mit denen sie früher zu tun hatten. Es existiert bekanntlich nicht nur ein Fall, dass ein ehemaliges Senatsmitglied plötzlich ein Unternehmen gründet oder an einem mitwirkt, das an gigantischen Bauplänen beteiligt ist. Dabei geht es um zig Millionen. Und ein Stockwerk mehr oder weniger kann richtig teuer sein. Fragt sich nur, wer Kapital daraus schlägt.

    Wenn Ihre Annahmen stimmen: Warum wird dem nicht hartnäckig nachgegangen?

    Wo kein Kläger, da kein Richter. Dieses alte Sprichwort ist leider wahrer denn je. Unsere Zeit ist enorm schnelllebig. In Politik und in der Verwaltung haben ebenso wie in der freien Wirtschaft viele vor allem ihre Karriere im Visier. Wer unnachgiebig aufklärt und nach Schmutz gräbt, eckt an. Wegschauen ist der einfachere Weg.

    Reichen unsere Gesetze aus?

    Nach meinem Wissen schon. Korruption und Filz müssen bereits im Anfangsstadium bekämpft werden. Mit Verzögerung ist das schwer. Beim Passieren der Rothenbaumchaussee, zwischen Turmweg und Hallerstraße, ist aktuell ein riesiger Büroklotz zu sehen. Auf dem Gelände befand sich einst der Traditionssportplatz des HSV. Mit dem Versprechen einer parkähnlichen Anlage und zahlreichen Sozialwohnungen wurden Baugenehmigungen erteilt. Jeder Hamburger kann sich ein Bild machen, was daraus wurde. Wohin welches Geld floss, ist nicht zu erkennen.

    Handelt es sich um einen Einzelfall?

    Mir ist nicht nur eine Liste bekannt, auf der unbebaute Grundstücke in Hamburg standen. Filetstücke. Solches Wissen lädt zu Insidergeschäften ein. Anders formuliert: Wissen und Kontakte können umgemünzt werden. Wenn wir die gesamten Hintergründe beim Bau eines Hochhauses am Millerntor wüssten, würde sich garantiert manche böse Überraschung ergeben. Jeder möchte gerne ein Stück vom großen Geldkuchen abbeißen. Ich kenne kein Sonderdezernat in der Hansestadt, das sich je um Filz und Korruption gekümmert hat. Der laufende Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum „Cum-Ex-Skandal“ kam durch öffentlichen Druck zustande.

    Was muss passieren?
    Filz und Korruption sind wie ein Virus, der sich rasch verbreitet. Wir brauchen kritische Bürger, eine aufmerksame Presse, unnachgiebige Strafverfolgungsbehörden. Zudem sollte jeder Beamte einen zusätzlichen Passus unterzeichnen, der sich präzise auf diese Punkte bezieht. Vor allem brauchen wir den politischen Willen, diesen Problemen hinterherzugehen. Hamburg muss wachsamer werden.

    Seit fast sechs Jahrzehnten lebt der gebürtige Gütersloher Jürgen Hunke (77) in Hamburg. Der Familienvater machte sich als selbstständiger Unternehmer, Inhaber der Kammerspiele, HSV-Präsident, Verlagskaufmann und Galerist einen Namen. Er gilt als kritischer, unabhängiger Geist. Seine persönliche Freiheit ist ihm ein hohes Gut.

    „Guten Morgen, Hamburg!“ – unter diesem Motto weckte Jürgen Hunke einst unsere Stadt im Netz. Jetzt hat der unabhängige Unternehmer mit Wohnsitz in Alsternähe dieses Format für Alster Aktuell transformiert. Er sagt hier, was er denkt und macht sich Gedanken über die Zukunft der Hansestadt.

    Foto: © SNAPSHOTZ by Petra Fischer

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    Kai Wehl
    Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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