Donnerstag, 24. Juni 2021
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    Krimi setzt Kontrapunkt zur massenhaften Disharmonie

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    Der Uhlenhorster Autor John George Bernard hat eine außergewöhnliche Krimi-Serie veröffentlicht: „KOELLBERGS“. Sie beschreibt den beruflichen und privaten Alltag einer Hamburger Familie, deren Mitglieder Verbrechen bekämpfen.

    ALSTER-AKTUELL: Ihrer Vita ist zu entnehmen, dass Sie ein bewegtes Berufsleben hinter sich haben, in dem die literarische Welt nicht vorkam. Was hat Sie dazu veranlasst, einen Neustart als Romanautor mit gleich drei Werken zu wagen?

    John George Bernard: Für einen Neustart sollte man einen Plan haben. Ich hatte keinen. Eines Tages habe ich mich hingesetzt, und mit dem Schreiben begonnen ohne genaue Vorstellungen darüber, wo die Reise hingehen wird. Als Ruheständler hatte ich zum ersten Mal die Zeit und den Kopf dafür frei. Für mich war es zunächst mal nur ein Selbstversuch. Über eine Veröffentlichung hatte ich damals noch nicht nach-gedacht.

    Und das hat sich zwischenzeitlich geändert?

    Als das Raw-Skript des ersten Bandes fertig war, habe ich es in meinem Bekanntenkreis verteilt mit der Bitte um eine konstruktiv kritische Beurteilung. Die Rückmeldungen waren sehr differenziert aber auch anregend und vom Grundtenor verhalten positiv.

    Ausschlaggebend für mich war letztendlich die Neugierde meiner Lektoren. Man wollte wissen, wie es mit den Koellbergs weitergeht. Also begann ich mit Teil II meiner Chronik über die Hamburger Familie. Dabei wurde mir bald klar, dass der Plot, der sich in meinem Kopf abzeichnete, nicht in einen einzigen weiteren Band passen würde. Demzufolge entwickelte sich die Idee zu einer Romanserie. Und damit stellte sich dann auch die Frage einer Veröffentlichung.

    Aber damit haben Sie gewartet, bis drei Bände fertiggestellt waren!?

    Ja, als Neuling in diesem Metier wollte ich mir zunächst sicher sein, dass ich das weitermachen will. Zugleich wollte ich bei meiner potenziellen Leserschaft jegliche Zweifel an meiner Ernsthaftigkeit ausräumen. Derzeit schreibe ich an Teil IV und plane gleichzeitig den Plot für Teil V. Diese fünf Bände mit knapp 2.500 Seiten werden noch in diesem Jahr fertiggestellt.

    Planen Sie weitere Romanprojekte eventuell auch mit anderen Sujets?

    Derzeit nicht. Ich bin und bleibe Hobbyautor. Eine Profession sehe ich darin für mich nicht. Ich denke, KOELLBERGS ist sicher nicht mainstreamtauglich; eher ein Nischenprodukt.

    Wieso? Was ist in Ihren Büchern anders?

    KOELLBERGS ist kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Meine Familienchronik ist aufgebaut wie ein Tagebuch; nicht langweilig, aber auch nicht auf permanente Hochspannung getrimmt. Das Betätigungsfeld meiner Hauptfiguren ist die Mordkommission; per se nicht die aufregendste Art der Verbrechungsbekämpfung. Zudem stehen zwischenmenschliche Beziehungen bei mir im Vordergrund. Der Plot spielt in einem weitestgehend realistischen Ambiente mit rational handelnden Figuren. Es gibt nichts geheimnisvoll Mystisches.

    Polizisten sollen ja schon berufsbedingt einen gewissen Abstand wahren und auch über einen respekteinflößenden Habitus, wie z.B. ein schwarzes Outfit, verfügen. Daher werden sie gelegentlich mehr als Funktionsträger und weniger als Menschen, wie du und ich wahrgenommen.

    Meine Polizisten sind dagegen zunächst mal richtig sympathische Leute mit Emotionen, und zudem pflegen sie einen netten Umgang. Übrigens einer der Kritikpunkte meiner Testleser: „unrealistisch, weil viel zu nett und zu umgänglich!“ Recht haben sie! Aber genau darum geht es mir. Nämlich einen Kontrapunkt zu setzen zu den Disharmonien, mit denen wir heutzutage massenhaft konfrontiert werden.

    Bezeichnen Sie Ihren Roman deshalb als „Nette Leute Krimi“. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

    Nein! Auch nette Leute werden gelegentlich straffällig. Hier ist es lediglich als Hinweis für Interessierte gedacht. Natürlich gibt es bei mir „die Bösen“, und es passieren durchaus auch schwer zu ertragende Grausamkeiten. Aber vom Tenor her ist die Welt weit-gehend in Ordnung rund um die Familie Koellberg. Deren Blut ist ziemlich dick, und sie steht zusammen.

    Das hört sich so an, als ob Sie eher ein Harmonie liebender, emotionaler Mensch sind!?

    Das trifft es genau. Ich denke, ein Großteil der alltäglichen zwischenmenschlichen Konflikte ist eigentlich überflüssig. Sie lösen sich meist von selbst auf, wenn der Adrenalinspiegel wieder Normalniveau erreicht hat. Zugegeben, der Harmoniefaktor innerhalb der Familie Koellberg ist außergewöhnlich, aber nicht unmöglich. Die ganze Sippe ist mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Zu meinen Romanfiguren habe ich eine persönliche Beziehung entwickelt. Beim Schreiben lebe ich mitten unter ihnen; sitze sozusagen bei den Koellbergs zu Hause mit am Tisch.

    Heißt das, Sie haben von jeder Ihrer Figuren ein Bild vor Augen?

    Um die für einen Fortsetzungsroman erforderliche Kontinuität der Hauptfiguren über Tausende von Seiten durchzuhalten, suche ich mir jeweils einen real existierenden Typus aus der Riege bekannter Schauspieler aus. Ich caste mir sozusagen eine fiktive Besetzungsliste zusammen. Beim Schreiben stelle ich mir dann vor, wie diese Figuren interagieren. So gesehen nehmen die von mir ausgewählten Darsteller direkten Einfluss auf die Gestaltung meines Skripts und sollten eigentlich als Mitwirkende genannt werden.

    Verraten Sie uns, wer da so alles auf Ihrer geistigen Besetzungsliste steht?

    Warum nicht? Zum Beispiel ist die Figur meines Protagonisten, Thomas Koellberg so überhaupt erst entstanden, nachdem ich mich intensiver mit dem jungen Supertalent, Louis Hofmann befasst hatte. Als Vorlage für die Figur seiner Mutter, Henriette diente mir die wunderbare Maria Furtwängler. Ein Mutter-Sohn-Gespann wie aus dem Bilderbuch. Bei der Figur des warmherzigen Carlo hat mir Paulo Lando geholfen. Sein charmantes Lächeln stand Pate für Carlos oft zitiertes „breites, brasilianisches Grinsen“. Die Rolle des KHK Peter Harms wird für mich idealerweise durch den charismatischen Heikko Deutschmann verkörpert. Für die schwierige Doppelrolle der so unterschiedlich angelegten Zwillinge, Gregor und Markus hatte ich den vielseitigen Gerrit Klein vor Augen. Gregors kleiner trauriger Freund, Jörg nahm Gestalt an, nachdem ich den Nachwuchsdarsteller, Paul Lennard Sundheim gesehen hatte. Und die subtile Figur des kleinen Nikos, die erstmalig in Band III in den Mikrokosmos der Familie Koellberg gerät und die Gefühlswelten aller gehörig durcheinanderbringt, wäre ohne die Patenschaft des Nachwuchstalents, Juls Luis Serger niemals in dieser Authentizität entstanden.

    Bei diesen Menschen, deren ausdrucksstarkes Auftreten mir die Inspiration zum Entwurf meiner Hauptfiguren geliefert hat, bedanke ich mich sehr gerne in Form einer Widmung.

    Das Thema Homosexualität bleibt bei Ihnen nicht außen vor!?

    Wie denn auch? Homosexualität ist ja kein Fake, sondern Fakt. In meinem Roman eher eine Selbstverständlichkeit, und weniger ein Thema. Marginal thematisiert werden nur die Inakzeptanz durch Teile der Bevölkerung und die Integrationsproblematik im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu bestimmten Personengruppen, wie zum Beispiel Polizisten, Fußballer oder ganz aktuell auch Schauspieler. Unter meinen etwa zwanzig Hauptfiguren gibt es drei Schwule. Damit wird das Ergebnis neuerer Häufigkeitsstudien statistisch adäquat abgebildet. In meinem Bemühen um eine realistische Darstellung kann ich mir vielleicht das Ausblenden von Dissonanzen erlauben; jedoch nicht die Existenz von Homosexualität ignorieren. Jakob M. Erwas 2015 entstandene Verfilmung von Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, mit welcher Leichtigkeit man sich dieser Thematik annehmen kann.

    Gibt es in Ihrer Roman-Serie ein Statement?

    KOELLBERGS ist zunächst mal reine Unterhaltungsliteratur. Wenn man überhaupt eine Botschaft entnehmen will, dann vielleicht diese, dass ein respektvoller, toleranter Umgang das Leben einfacher macht, weil er Disharmonien verhindert und so gebundene Energien freisetzt. In seiner Rede auf dem Rathausmarkt bringt der Berufsanfänger und Gutmensch, Tom Koellberg dies jugendlich naiv aber trefflich zum Ausdruck. P.H.

    Koellbergs: Teil 1 Eibensteins Erbe, Softcover, 492 Seiten, 15,99 Euro /Teil 2 Familienangelegenheiten, Softcover, 452 Seiten, 14.99 Euro/Teil 3 Bekenntnisse, Softcover, 496 Seiten, 15.99 Euro. Alle erschienen bei Alster Krimi, www.alster-krimi.com

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    Kai Wehl
    Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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