Dienstag, 13. April 2021
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    „Musik ist jetzt mein Mittelpunkt“

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    Der Name Reinhold Beckmann steht für die meisten vor allem für Sportmoderation und Talk im Fernsehen – als Moderator und als Produzent –, dabei ist der Hamburger aktuell vor allem eines: Musiker. Gerade hat der 65-Jährige mit „Haltbar bis Ende“ sein drittes Album rausgebracht. Für ihn ein weiterer Schritt „in ein anderes Leben“.

    Sehr cooler Titel, der viel Interpretationsspielraum lässt. Wie bist du darauf gekommen?

    Das war diesmal gar nicht so einfach. Die Platte hieß gut vier Wochen lang „Auf Herz wär` was gegangen“. Das war mir beim Skatspielen rausgerutscht, nachdem ich verloren und geflucht hatte, weil ich genau wusste, auf Herz wär´ was gegangen. Ist aber nicht der Titel, sondern kurz vor Ende der Produktion sogar noch ein kleiner, feiner Song geworden. Dann – es war glaube ein Sonntag –  schaute mich die Hafermilchtüte aus dem Kühlschrank an: da stand drauf : „Haltbar bis Ende…“! Da dachte ich – ja, das ist es!

    Bist du Veganer?

    Das nicht, ich esse auch gern Fisch und Fleisch, aber ein paar Dinge haben sich bei mir in den letzten Jahren doch verändert. Ich koche beispielsweise leidenschaftlich gern und auch immer öfter vegetarisch oder gar vegan. Ich bin mit einer veganen Köchin aus Berlin befreundet, Josita Hartanto, , die das wirklich drauf hat. Von der habe ich viel gelernt.

    Man kann den Titel ja trotzdem auch philosophisch sehen, wenn man bedenkt, dass vieles noch haltbar ist, auch wenn es schon abgelaufen ist… wie bei dir, du intensivierst mit dem Album im Rentenalter deine Musikkarriere, stimmt‘s?

    Ja. Die Milchtüte als kleines Philosophikum…(lacht) Der Titel passt gut zu meiner aktuellen Lebensphase. Ich bin aus der ersten Reihe der Fernseharbeit raus und finde das wahnsinnig angenehm, weil ich dadurch ein Stückweit in ein normales Leben zurückgekehrt bin. Raus aus diesem irren Tempo, dem ich Jahrelang ausgeliefert war. Das ist gut so und ich genieße das sehr. Ich bin jetzt viel mehr bei mir, viel achtsamer, auch meinen Freunden, meiner Umgebung gegenüber. Und ich erschließe mir neue Lebensbereiche. Ich hätte nie gedacht, kochen als meditative, sinnliche Beschäftigungsform für mich zu entdecken. Dafür war früher kaum Zeit. Natürlich habe ich immer noch meine Firma beckground TV. Dort produziere ich mit meinem Geschäftspartner Marcus Foag nach wie vor Sendungen wie „Inas Nacht“ oder die TV-Formate von Olli Dittrich und vielen anderen. Doch die Musik ist jetzt mein Mittelpunkt, und ich liebe es, mit ihr Geschichten zu erzählen.

    Ist aus der ersten Reihe der Fernseharbeit raus und nutzt die gewonnene Zeit zum Kochen und Musikmachen: Reinhold Beckmann. © www.stevenhaberland.com

    Eine, nämlich „Vier Brüder“, ist sehr traurig und ist die Geschichte der im Weltkrieg gefallenen Brüder deiner Mutter. Hat die Geschichte dein Leben beeinflusst?

    Ja, das hat uns alle sehr geprägt, weil meine Mutter darüber auch immer viel erzählt hat. Eigentlich haben die vier Brüder gefühlt immer bei uns mit am Tisch gesessen – vor allem zu Weihnachten und an anderen Festtagen. Es gab auch viele Bilder von ihnen im Haus, sogar eine Foto-Montage mit allen Vieren, die meine Mutter angefertigt hatte. Das Schicksal war auch deshalb so hart, weil Willi, der Jüngste, mit nur 16 Jahren noch kurz vor Kriegsende eingezogen wurde – und dann wenig später in einer Holzkiste tot zurückkam. Er war quasi noch ein Kind. Grauenhaft. Das war immer Thema bei uns.

    Und jetzt den Song geschrieben zu haben, ändert das etwas für dich, ist es eine Art Abschluss?

    Das würde ich so nicht bezeichnen. Ich hatte immer schon vor, einen Song über die vier Brüder Alfons, Hans, Franz und Willi zu schreiben, die alle nicht mehr nach Hause gekommen sind. Meine Mutter ist vor 15 Monaten gestorben. Sie ist 98 geworden und hat ein wirklich erfülltes Leben gehabt auch wenn sie oft mit ihrem Herrgott über ihr Schicksal geschimpft und geflucht hat. Das Lied hat sie leider nicht mehr gehört. Ich habe ihr aber erzählt, dass ich daran schreibe. Sie hat das gutgeheißen.

    Wenn man sich weitere Titel und Textpassagen anschaut, wie etwa „Der Lack ist ab“, „Wenn‘s vollbracht ist“, dann klingt das ein bisschen endzeitlich … Zufall? Das Album ist ja auch sehr ruhig, warst du melancholisch als du es gemacht hast?

    Nein, das wäre dann doch etwas übertrieben. Das Album hat ja viele lässige und auch beschwingte Momente. Aber ich trage durchaus eine melancholische Seite in mir und mag es, Songtexte zu schreiben, die auch mal die Gnadenlosigkeit des Lebens widerspiegeln. Das ist dann immer auch ein wenig tragisch und komisch zugleich. Eine reine Zufälligkeit ist hingegen, dass ich das Album jetzt in der Corona-Zeit veröffentliche. Das Album haben wir schon vor gut einem Jahr produziert und hätten es eigentlich ganz gern auch schon früher herausbringen wollen.

    Wie bewertest du selbst dein Album im Vergleich zu den anderen?

    Es ist viel entspannter und auch souveräner. Man lernt ja dazu. Martin Gallop war ein sehr aufmerksamer Produzent. Er hat sich erstmal ausführlich mit meinen Songs beschäftigt, bevor es ins Studio ging. Wir haben viel Musik zusammen gehört.  J.J. Cale oder Georg Danzer waren gute Inspirationen. Unaufgeregtes Singen, unaufgeregtes Spielen. Die Umsetzung hat geklappt, dabei war sie nicht immer leicht – denn um so „easy laid back“ zu spielen, muss man schon in eine ganz bestimmte Stimmung kommen, den Kopf ausschalten können. Meinen Jungs in der Band ist das wunderbar gelungen.

    Du hast zum zweiten Album in einem Interview gesagt: „Ich bin jetzt viel mehr bei mir und habe an Selbstbewusstsein und Sicherheit gewonnen.“ Wie war es diesmal, bist du jetzt ganz Musiker?

    Da hab ich damals wohl ein bisschen übertrieben (lacht). Aber es stimmt schon, Musik ist ja für mich quasi ein zweiter Beruf geworden. Bis zum Lockdown hatten wir 50 bis 60 Konzerte im Jahr und je häufiger man live spielt, desto sicherer wird man. Ich spiele jetzt viel mehr Gitarre als früher, setze mich häufiger hin, übe und versuche neue Songs zu komponieren, Texte zu schreiben. Das ist ein schönes Gefühl.  Musikmachen war für mich immer das große Glück – und das mache ich jetzt einfach. kw

    “Haltbar bis Ende“ von Reinhold Beckmann & Band (Universal Music, ca. 18€) bietet 11 gut hörbare, ruhige Songs mit Wortwitz.

    Aufmacherfoto: © www.stevenhaberland.com

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    Kai Wehl
    Chefredakteur von Alster und Alstertal Magazin
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